Nuestra Directora Ejecutiva, Claudia Dides, fue entrevistada en Revista alemana Latino Media

Published On 9 Agosto, 2018 |

“El movimiento #metoo no fue el comienzo: La activista chilena por los derechos de las mujeres, Claudia Dides, conversó con nosotros sobre los logros del movimiento de mujeres en América Latina, el papel de la Iglesia Católica y los aborto ilegales”


So etwas hat es vorher nie gegeben

http://latinomedia.de/Metoo.html

Die chilenische Frauenrechtlerin Claudia Dides über das feministische Erwachen Lateinamerikas, seine Erfolge und was noch zu tun bleibt.

Interview: Toni Keppeler

Frau Dides, in Chile besetzen Studentinnen und Schülerinnen Universitäten und Schulen, um gegen Gewalt gegen Frauen zu protestieren. In Argentinien gehen hunderttausende mit dem selben Anliegen auf die Straße. Ausgerechnet jetzt, da in beiden Ländern wieder rechte Präsidenten gewählt wurden, ist die Frauenbewegung so stark wie nie zuvor. Woran liegt das?

Das klingt in der Tat zunächst widersprüchlich. Aber es ist einfach so: Wenn die Rechte an der Regierung ist, redet die Linke über Themen, über die sie nicht redet, wenn sie selbst regiert. Da sind dann Frauenthemen im besten Fall Verhandlungsmasse, wenn es um die Durchsetzung anderer Gesetze geht, und letztlich passiert überhaupt nichts. Aber auch die Zivilgesellschaft verhält sich so. Die Linke an der Regierung wird geschont, um sie nicht in Probleme zu bringen. Aber wenn es eine rechte Regierung gibt, trägt man diese Themen auf die Straße.

Das kann doch nicht die ganze Erklärung sein.

Natürlich nicht. Es gab in allen lateinamerikanischen Ländern, in denen heute die Frauenbewegung stark ist, symbolische Fälle. Es gab grausame Frauenmorde in Argentinien, in El Salvador gab es absurde Urteile gegen Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten hatten und wegen Mordes ins Gefängnis kamen. Wir hatten hier in Chile im Süden eine junge Frau, die so misshandelt wurde, dass sie das Augenlicht verlor. Oder ein dreijähriges Mädchen, das von seinem Stiefvater vergewaltigt wurde und starb. Die Frauenbewegung hat diese Fälle öffentlich gemacht. So schrecklich sie sind, sie entfalten eine enorme Kraft. Da gehen dann auch Frauen auf die Straße, die vorher nie daran gedacht haben. In Argentinien ist daraus die Bewegung „ni una menos“ (etwa: „Es darf nicht noch eine fehlen“) entstanden, die dann in anderen Ländern aufgegriffen worden ist.

Wie?

In Chile hat sich daran zum Beispiel eine Debatte über sexuelle Nötigung und Vergewaltigungen an Universitäten und Schulen entzündet. Das hat dann zu den Besetzungen von Schulen und Universitäten geführt, ausschließlich durch Frauen. So etwas hat es vorher nie gegeben.

Hat auch die in den USA entstandene „Me Too“-Bewegung eine Rolle gespielt?

Ja, auch das war extrem wichtig. Dass da internationale Stars aufgestanden sind und angeklagt haben. Aber „Me Too“ war nicht der Anfang. Davor lagen dreißig Jahre Arbeit der organisierten Frauenbewegung, seit über zwanzig Jahren gibt es ein Netzwerk von Gruppen gegen Gewalt gegen Frauen. Und es gab schon „ni una menos“. „Me Too“ hat eine Bewegung verbreitert, die schon da war. Das Thema kam dadurch in den großen Medien und wurde überall diskutiert.

Traditionell mischt sich in Lateinamerika die katholische Kirche ein, wenn es um Selbstbestimmungsrechte der Frauen geht. Sie hatte immer so viel politischen Einfluss, dass sie nicht nur Liberalisierungen verhindern, sondern sogar schärfere Gesetze durchsetzen konnte. In El Salvador etwa wurde auf Initiative der katholischen Kirche hin Abtreibung unter allen Umständen verboten, selbst nach der Vergewaltigung eines Kindes oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Ist der Einfluss der Kirche zurückgegangen?

Zumindest in Chile hat uns der Papstbesuch vom vergangenen Februar in die Hände gespielt. Die Missbrauchsskandale von Priestern waren vorher schon bekannt. Dass sich dann der Papst öffentlich auf die Seite der Täter gestellt hat, hat ihn unglaubwürdig gemacht. Da nützt es auch nichts, dass danach ein paar Bischöfe zurückgetreten sind. Das Schweigen wurde gebrochen und die Mafia der Priester – anders kann man es nicht nennen – hat sehr viel von ihrer Macht eingebüßt.

Ein paar Erfolge der neuen Frauenbewegung gibt es schon: In Chile wurde im vergangenen Jahr das totale Abtreibungsverbot zu Gunsten einer Indikationsregelung aufgehoben. In Argentinien hat das Parlament im Juni eine Fristenregelung beschlossen und Präsident Mauricio Macri – ein bekennender Abtreibungsgegner – hat auf ein Veto verzichtet.

Manchmal kann man selbst bei rechten Regierungen etwas erreichen. Sie versuchen, sich ein modernes Gesicht zu geben und sich von den Militärregierungen der 1980er-Jahre abzusetzen. Solange ihr neoliberales Modell nicht in Frage gestellt wird, sind sie zu Zugeständnissen bereit. So war in Argentinien die Abtreibungsgesetzgebung mit Macri möglich. In Chile passiert derzeit das selbe mit der Geschlechtsidentität, wo Sebastián Piñera zu Zugeständnissen bereit zu sein scheint. Aber letztlich schließen sich die rechten Präsidenten damit nur Bewusstseinsveränderungen an, die in der Gesellschaft längst passiert sind. Alles andere wäre nicht populär.

Mit der chilenischen Abtreibungsgesetzgebung aber können Sie nicht zufrieden sein.

Natürlich nicht. Sie ist im Grund kein Fortschritt. Wie kannten schon von 1931 bis 1988 die sogenannte therapeutische Abtreibung. Erst Pinochet hat als eines seiner letzten Diktaturgesetze das absolute Abtreibungsverbot dekretiert und wir brauchten 29 Jahre, um das wieder rückgängig zu machen. Heute haben wir drei Ausnahmen, in denen Abtreibungen erlaubt sind: Wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist, wenn der Fötus nicht überlebensfähig ist und nach einer Vergewaltigung. Das betrifft etwa 10.000 Frauen im Jahr. Nach verschiedenen Schätzungen aber lassen in Chile bis zu 60.000 Frauen im Jahr illegal abtreiben, von Geschäftemachern und oft unter verheerenden Bedingungen. Für diese Frauen brauchen wir eine Lösung. Derzeit aber wird erst über die Ausführungsbestimmungen des neuen Gesetzes gestritten. Eigentlich muss jedes Krankenhaus, das öffentliche Gelder bekommt, Abtreibungen nach diesem Recht durchführen. Aber siebzig Prozent der Gynäkologen – und in katholischen Krankenhäusern alle – berufen sich auf ihr Gewissen und lehnen den Eingriff ab. Wir sagen: Öffentlich finanzierte Krankenhäuser, die gesetzliche Ansprüche beschneiden, darf es nicht geben.

Glauben Sie, dass auch in Chile in absehbarer Zeit eine Fristenregelung möglich ist?

In dieser Legislaturperiode nur, wenn ein Wunder geschieht, und daran glaube ich nicht. Die Mitte-Links-Parteien haben im Parlament zwar rechnerisch eine Mehrheit. Aber es gibt zu viele Christdemokraten darunter, die schon mit der Indikationslösung große Probleme hatten. Wir werden das Thema in der öffentlichen Debatte halten und für die nächste Legislaturperiode vorbereitet sein.

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Claudia Dides, 49, ist Direktorin der Frauenorganisation Miles (Bewegung für einen legalen Schwangerschaftsabbruch) und eine der prominentesten Feministinnen Chiles.

woz, 9.8.2018

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